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ReZi | Das Paradies der Täter | Jürgen Seidel

Mittwoch, Mai 1 | 6 Beloved Words


Argentinien, 50er Jahre. Im Colegio Friedrich, der deutschen Schule in La Plata, herrscht eine explosive Stimmung. Denn hier lernen Kinder aus jüdischen Emigrantenfamilien zusammen mit Kindern von Naziverbrechern – und bilden zutiefst verfeindete Gruppen. Tom, der 17-jährige Sohn eines untergetauchten Nazis, kommt neu an die Schule, und noch bevor er den anderen klar machen kann, wer er ist, begegnet er dem jüdischen Mädchen Walli – und verliebt sich in sie. Aus Liebe – und aus Scham – und auch aus Rebellion gegen seinen Vater verschweigt Tom Walli und den anderen seinen wahren Familienhintergrund und behauptet, auch er sei Jude. Eine unvorstellbare Lüge – die schnell zu fatalen Konflikten eskaliert.

Der Grund, weshalb ich dieses Buch lesen wollte: Zurzeit sind wir in Geschichte am Ende von Hitlers Regime angelangt und als ich dann durch zufall in den Verlagsvorschauen rumblätterte, sprang mir der Klappentext nur förmlich so entgegen und ich wollte das Buch auf der Stelle besitzen.

Als ich das Buch gestern erst zuklappte musste ich erstmal meine Gedanken ordnen. Jürgen Seidel hat mich ins Argentien der 50er Jahre entführt und ich war vollkommen gefangen gewesen in seiner Geschichte. Er hat diese Umgebung dort, die Welt und Zustände damals so gut dargestellt, wie ich sie noch nie so authentisch erlebt hatte. Für mich ist das ja schon richtig Geschichte, manchmal erscheint es mir sehr weit entfernt. Aber nachdem ich "Das Paradies der Täter" nun gelesen habe, sehe ich das nicht mehr so.


Tom Blume ist als Protagonist unglaublich beschrieben. Wir erfahren alles aus seiner Sicht in Ich-Form. Abgesehen davon, dass es nicht oft Jungen als Protagonisten gibt und dann noch aus Ich-Erzählweise, wusste ich anfangs nicht so ganz genau, wo ich Tom einordnen sollte. Ich denke, es soll auch so sein, denn Tom weiß ja lange Zeit auch nicht, wo genau er hingehört. Weil er sich in eine Jüdin verliebt, obwohl sein Vater ein Nazi ist und sie deshalb aus Deutschland fliehen mussten, ergibt es so, dass es scheint, als gehöre er zu der jüdischen Gruppe in der Schule Colegio Friedrich. Was ich so bewundernswert an Tommie fand, ist, dass er gegen seine Familie rebelliert, sein schreckliches "Erbe" nicht haben möchte und mit seinem Vater so einige harte Kämpfe ausficht. Ihm ist klar, welches Unrecht und Leid passiert ist und er ist einer von vielen, die es bereuen. Der faszinierende Punkt dabei war die ganze Zeit über, wie es dargestellt wurde, aus der Sicht eines deutschen Nazi-Sohnes.

Tommie verstrickt sich während der Zeit immer mehr in der "Lüge" bis er schließlich aufliegt. Er kommt nicht nur mit einem blauen Auge davon, aber zu Walli kann er trotzdem wieder Vertrauen aufbauen. Walli ist die Abkürzung von Valeria. Das wird aber erst ganz am Ende mal erklärt, hab mich ja immer gefragt, was das für ein Name ist ;) Sie ist ein Mädchen mit dem man erstmal auskommen muss. Keine klassische Schönheit, kein typisches Mädchen, sondern Walli geht eher in Richtung Kick-Ass, aber sie ist auch auf ihre Weise zerbrechlich. Sie öffent sich Tom nur ganz langsam und die Beziehung, die sich zwischen den beiden aufbaut - und die letztlich auch für alles der Grund in diesem Buch ist - war wunderbar mitanzusehen, wie sie sich entfaltet. Toms Gefühle konnte ich sehr gut nachvollziehen, aber das ein Junge mit 17 Jahren schon noch etwas unerfahren war, fand ich....anders. Es war einfach anders damals =)

Die Erzählweise von Jürgen Seidel ist ebenso etwas spezieller! Wir kriegen immer wieder sozusagen Rückblenden, Erinnerungen an die Zeit in Montevideo, wo die Familie "Blume", wie sie sich seit der Flucht nennen, längere Zeit gelebt hat und wo Tom ein Gefühl von Heimat und Freunde hatte. Auch wird eine Situation abgespielt, die man anfangs nicht ganz fassen kann und erst, wenn Tom erklärt, wie sie zustande kam, kann man wieder den roten Faden sehen. Der Autor hat einfach eine wunderbare Art, diese Geschichte zu erzählen. Ich bin mir bis jetzt nicht ganz sicher, ob sie wirklich nur fiktiv ist, natürlich sind wichtige Daten von damals nicht fiktiv, aber ob Toms Geschichte nur fiktiv ist, oder vielleicht doch wahr, da war ich mir manchmal wirklich nicht sicher. Mir ist es bis jetzt noch nicht ganz klar. Ich denke, ich werde es dabei belassen und mir vorstellen, wie der wahre Tom Blume weiter in Argentinien lebt, so wie ich ihn im Buch kennengelernt habe.

Nochmals auf den roten Faden zurückgekommen: Eine Krise folgt der nächsten in "Das Paradies der Täter". Wer die Täter sind und die Opfer, das sehen die zwei verschiedenen Gruppen in der Schule genauso wie bei den Erwachsenen anders. Nazis tauchen an jeder Ecke auf und Tom ist involviert in viele gefährlich brenzlige Umstände, gewollt oder mal nicht gewollt. Jugendliche Streitereien sind es nicht, die ausgefochten werden. Es geht um Reue, Verlust, Tod, Leiden, Schuld und noch vieles mehr, das man nicht mit einem Wort benennen kann. Ich war überwältigt, wie authentisch und ehrlich Jürgen Seidel, die Geschichte von Nazis und Juden, von den Zuständen in allen Ländern der Welt in eine Lebensgeschichte eingeflochten hat, die durch diese viele Begebenheiten gleichfalls beeinflusst wurde, wie es wohl bei allen möglichen Menschen der Fall war. Und trotzdem ist dabei jeder individuell betroffen. Diese Sache realistisch, ich will es noch mal sagen, so unglaublich AUTHENTISCH darzustellen, das ist ein Kunstück.
Bis jetzt hatte ich die Geschichte als Geschichte für mich gesehen. Aber das jeder einzelne Mensch von diesen Umständen "damals" betroffen war und das eigene Leben für immer verändern konnte, die ganze Welt für immer verändern konnte, das hat Seidel furchtbar gut hervorgehoben.
Und nicht nur das, dabei hat er auch noch eine wunderbare Liebes- und Lebensgeschichte eingebracht, authentische Charaktere, wie man sie nicht oft trifft, ein Leben wie aus der Realität herausgenommen. Besonders der Schreibstil von Jürgen Seidel hatte es mir angetan. Rückblenden und Erinnerung, starke Emotionen, Kämpfe, ausgefochten von Jugendlichen wie Erwachsenen. Ich war echt überwältigt. Jürgen Seidel hat sein Schreibtalent, oder wie man es nennen mag, wirklich vervollkommnet.
5 von 5 Coffee Hearts
Unglaublich realistische und individuelle Geschichte in einer Zeit von zu viel Hass und Leid!


Genre: Jugendroman
Verlag: cbj
Seiten: 400
Preis: 16, 99€
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Autor:
Jürgen Seidel wurde 1948 in Berlin geboren. Nach einer handwerklichen Ausbildung lebte er drei Jahre lang in Australien und Südostasien, bevor er nach Deutschland zurückkehrte, das Abitur nachmachte und ein Studium der Germanistik und Anglistik mit der Promotion abschloss. Jürgen Seidel veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele, Rundfunkbeiträge, literaturwissenschaftliche Publikationen - und zahlreiche Jugendromane. Er zählt zu den vielschichtigsten, interessantesten und literarischsten deutschen Jugendbuchautoren. Jürgen Seidel lebt mit seiner Familie in Neuss. | Website





Kommentare:

  1. Hi Ley,

    das Buch hört sich richtig spannend an! Tolle Rezension! Diesen Monat habe ich mir ein Kaufverbot erlegt, aber dann nächsten Monat! :)
    Dein Design finde ich übrigens sehr sehr schön! :)

    Liebe Grüße,
    Anne

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    1. Das ist es auch! So wie ich deinen Geschmack jetzt einschätze, wird dir das Buch sicher gefallen!
      Danke, hab lang rumgewerkelt^^

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  2. Hallo Ley,
    danke für dein liebes Kommentar! Es freut mich das dir der Header gefällt, du bist die erste die ihre Meinung geäußert hat. :)
    Ja es ist sehr direkt da hast du Recht, aber manchmal muss man so direkt sein - und ich meine ja keineswegs dich! :P

    Liebe Grüße,
    Sunny

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    1. Na, ist doch Ehrensache, der ist auch wunderschön!
      Nene, ich meinte eher, dass ich das so toll daran finde ;) Gefällt mir, bin selbst sehr direkt^^

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  3. Hey :3
    Also ich würd mir beautiful disaster nur kaufen, wenn du es ertragen kannst, dass der männliche charakter ab nem gewissen zeitpunkt total klammert und besitzergreifend wird ... So an sich ist das buch echt nicht schlecht ... Aber ich hasse eben solche kontrollfreaks -.- dabei lieb ich badboys so ;0; die schreib ich am liebsten xD
    Lg

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    1. Stimmt, das könnte echt ein wenig problematisch werden, wenn er nur noch am nerven ist.....^^ Bad Boys, auf die könnte ich eine Hymne schreiben! Sehr klischeehaft ist es ja meistens, aber hach, ist doch egal, wenn die Geschichten so schön sind :D

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